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H.C. Snerha und die Bach-Stimmung
Eine unglaubliche Begebenheit aus dem jahr 1973

Restaurierungswerkstatt für Orgeln Kristian Wegscheider
Dresden, Juni 2003


Etwas nördlich von Leipzig nahe der damaligen Fernverkehrsstraße 87 liegt das kleine Dorf Liemehna. Nach einer Autopanne mit meinem Trabant-Kombi musste ich auf die angekündigte Hilfe warten und spazierte solange in Liemehna herum, besuchte dabei auch die kleine Dorfkirche und fand auf der unverschlossenen Empore einen kleinen Stoß alter Akten. Von Natur-und Berufswegen neugierig, blätterte ich natürlich darin. Zu meinem großen Erstaunen bemerkte ich einen Brief aus dem Jahr 1751 von einem gewissen H.C. Snerha (ganz genau ließ sich die Unterschrift nicht entziffern). Dieser H.C. Snerha war Diener im Hause von J. S. Bach, wie er selbst seinem Vetter zu berichten weiß, an den der lange Brief adressiert ist. Offenbar hatte sich der Vetter von Snerha zuvor nach dessen Wirken erkundigt. Neben viel wohlwollenden Geplänkel über die liebenswürdige große Bachfamilie, die Probleme mit den Kindern und die sonstigen Schwierigkeiten des Alltags berichtet Snerha auch genaues zum Tagesablauf des Thomaskantors. Den Auslassungen über den Tagesrhythmus, Ablauf von Frühstück, Unterricht, Besuche u.ä. folgt nun etwas ganz erstaunliches. Snerha schreibt etwas über das Stimmen der Instrumente, insbesondere über Clavicord und Cembalo.
Offenbar war Snerha weit über das übliche Maß eines Bediensteten hinaus vorgebildet, denn, so wollte ich meinen Augen kaum trauen, standen dort genaue Angaben zu Bachs Vorgehensweise beim Cembalostimmen. Mit zitternden Händen las ich diese Passagen immer wieder, während es in Liemehna inzwischen fast dunkel geworden war. Der Autohilfsdienst (ein Abschleppdienst einer KFZ-Werkstatt des nahe gelegenen Jesewitz wollte in ca. 2 Stunden da sein) würde mich sicher schon suchen, während ich hier in der Kirche mit einer nur noch schwach leuchtenden Taschenlampe die vielleicht sensationellste Entdeckung zur wohltemperierten Stimmung machte. Gleich würde der Küster, Kantor oder Pfarrer kommen, mich fragen, was ich hier eigentlich treibe. Zu dumm, das s ich meinen Fotoapparat zu Hause vergessen hatte. Schnell schrieb ich die noch erkennbaren Bemerkungen Snerha's zum beschriebenen Stimmschemata des J. S. Bachs ab. Plötzlich gab es draußen direkt vor der Kirche einen fürchterlichen Knall. Offenbar ein schwerer Autounfall. Schnell rannte ich aus der Kirche , den Brief von H.C. Snerha zurücklassend. Ich müsste ohnehin noch einmal wiederkommen, um Fotos zu machen, und um den Pfarrer um Kopiererlaubnis zu bitten. Gleich neben der Kirche bot sich mir ein Bild des Schreckens. Ein Minol-Tanklastzug war bei dem leichten Nieselwetter auf dem Kopfsteinpflaster offenbar aus der enge Kurve gerutscht und gegen eine gerade neu errichtete Straßenlaterne geknallt. Benzingeruch lag in der Luft und einige lautstark rufende Männer gestikulierten wild umher. "Feuerwehr und Polizei" und "Vorsicht, nicht Rauchen" waren die wichtigsten Wortfetzen, die ich im Wind
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